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Rückblick Jahrestagung ARCHITEKTURPSYCHOLOGIE 2021

Jahrestagung FG-AP

Erste Tagung der Fachgesellschaft für Architekturpsychologie trifft auf große Resonanz

Über 100 Teilnehmer*innen verfolgten am 24. April 2021 von 9.30 bis 18.30 online das Programm der ersten Jahrestagung der Fachgesellschaft für Architekturpsychologie FGAP mit dem Titel Architekturpsychologie – Definition und Dasein in Wissenschaft und Praxis. Besonders bemerkenswert fanden die drei Gründerinnen der Fachgesellschaft dabei, wie extrem heterogen sich die Gruppe der Teilnehmer*innen zusammensetzte: Vertreter*innen der Architektur und dort wiederum Vertreter*innen aus der Praxis waren in der Mehrzahl, gefolgt von Psycholog*innen, Kunsthistoriker*innen, Designer*innen, Pädagog*innen, Psychotherapeut*innen, Mediziner*innen und anderen mehr – aus Praxis und Wissenschaft. Obgleich deutschsprachig, kamen die Teilnehmer*innen aus 13 verschiedenen Ländern.

Die Tagung wurde als internationale Wissenschaftstagung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG gefördert und in Kooperation mit der Technischen Universität München, der Fachschule Haus der Farbe in Zürich und der Bauhaus-Universität Weimar durchgeführt. Eigentlich hätte die Bauhaus-Universität Weimar Veranstaltungsort der diesjährigen Initialveranstaltung sein sollen. Pandemiebedingt und nach einer ersten Verschiebung fand die Veranstaltung jedoch kurzfristig online statt, was aber weder der Vermittlung der Inhalte noch den Möglichkeiten, einander „persönlich“ zu begegnen, Abbruch tat. Zum einen lag dies an der guten Struktur der Tagung, die sich in drei didaktisch unterschiedliche Panels gliederte, zum anderen an den Räumen des Austauschs, die zusätzlich angeboten wurden.

Im Mittelpunkt des Panels Forschen, das das Programm eröffnete, stand die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, den wissenschaftlichen Befunden und den Grenzen der evidenzbasierten Architektur. „Einer Architektur also, die Entwurfsentscheidungen vornehmlich auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse über Wirkungszusammenhänge von Architektur auf den Menschen trifft. Diese Erkenntnisse kommen inzwischen zum größten Teil aus der architekturpsychologischen Forschung, was die wenigsten wissen. Dies zu wissen, ist aber entscheidend für das richtige Verständnis und die Anwendung der Erkenntnisse im Entwurf“, so Prof. Dr. Tanja C. Vollmer, die das Panel leitete. Prof. i.R. Dr. Christian Rittelmeyer eröffnete die Runde mit seinem ausdrucksstarken Vortragsfilm zur anthropologisch-phänomenologischen Forschung. Prof. Dr. Kirsten Roessler schloss sich mit interessanten Einblicken in die empirische Forschung in Dänemark an und Prof. Dr. Simone Kühn erweiterte das Empirie-Thema mit der messerscharfen Unterscheidung impliziter und expliziter Ansätze aus der Sicht der Neurowissenschaften. Prof. Dr. Anne Brandl zeigte lehr- und praxisnah und über das sinnliche Erleben von Stadträumen u.a. Grenzen evidenzbasierter Architektur auf. In der Podiumsdiskussion loteten die vier Wissenschaftlerinnen (Prof. Rittelmeyer konnte hieran leider nicht teilnehmen) ihre unterschiedlichen Standpunkte aus und stellten fest, wie heterogen der Wissenschaftsbegriff in der Architekturpsychologie verwendet wird. „Um interdisziplinäre Forschung, wie sie Ziel der modernen Architekturpsychologie sein sollte, zum Erfolg zu führen, muss vor allem dieser Spalt – weit über die Methoden hinaus – gekittet werden“, resümierte Vollmer.

In der Mittagspause hatten die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, sich kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, Adressen auszutauschen und mit den Referent*innen und Moderator*innen in den Dialog zu treten. Hierfür standen virtuelle Räume zur Verfügung, deren Benennung von dem Ort inspiriert war, an dem die Tagung eigentlich hätte stattfinden sollen: dem Audimax der Bauhaus-Universität Weimar. „Im Innenhof der Unibibliothek in der Sonne, Auf den Treppenstufen vorm Audimax und mitten im Weg, In der Schlange vor dem Kaffeeautomaten, – das Angebot wurde begeistert angenommen. Wir haben es allerdings versäumt, gleich mit einer kleinen architekturpsychologischen Studie zu untersuchen, welche Räume am vollsten waren“, so Dr. Alexandra Abel mit Augenzwinkern.

Nach der Mittagspause schloss sich das Panel Denken & Vermitteln, geleitet von Dr. Alexandra Abel an. Im Mittelpunkt stand hier die Frage: Welche Relevanz und welches Potential hat die Architekturpsychologie für das Verständnis von Wahrnehmung, Wertung, Aneignung und Teilhabe.

Zusätzlich zur Thematik bildete hier auch das Format der Expert*innen-Impulse die Notwendigkeit interdisziplinärer Begegnungen ab: So trafen hier nacheinander zu den Schwerpunkten Denken und Vermitteln jeweils zwei Expert*innen aufeinander, diskutierten die von den Expert*innen im Vorfeld selbst herausgearbeiteten Kernfragen an und dann aufgeteilt auf vier Gruppen mit den Tagungsteilnehmer*innen weiter. Dabei eröffneten der Architekturtheoretiker Prof. Dr. Cepl und der Architekturpsychologe Prof. i.R. Dr. Richter unter dem leitmotivischen Vorsatz Architektur(Psychologie) denken die Diskussion mit den Fragen: Entsteht moderne Architektur am Menschen vorbei? Wodurch könnte dies bedingt sein? Wie ließe es sich ändern? Und welche Aufgaben und Chancen hat die Architekturpsychologie hier? Unter dem Titel Architektur(Psychologie) vermitteln dagegen stellten Dr. Cornelia Ehmayer-Rosinak und Prof. Dr. Andrea Dreyer die Relevanz und die Voraussetzungen von räumlichen Partizipationsprozessen in den Mittelpunkt gemäß den Fragen: Welche Formen von Teilhabe gibt es? Wie unterstützt man sie? Welche Grenzen hat Teilhabe?

„Architekturpsychologie kann Wirkungs- und Wertungsprozesse im Kontext des gebauten Raumes transparent machen und so eine gesamtgesellschaftliche Diskussion darüber eröffnen und begleiten, welche Architektur (und Raumgestaltung) wir wollen und brauchen. Die Relevanz einer solchen Diskussion war in der Tagung intensivst spürbar“, so Abel als Fazit.

Das Panel Entwerfen schloss die Tagung ab. Moderiert von Martina Guhl stand hier die Begegnung von Psychologie und Architektur während des Entwurfs – und Planungsprozesses im Mittelpunkt. Das Panel begann mit einem mit spannenden Entwurfs- und Planungsbeispielen gespickten Blick auf  die Phase I „vor der Ausschreibung“ mit den Vorträgen der Architektinnen Gemma Koppen aus Rotterdam zum evidenzbasierten Entwerfen in der Planung von Gesundheitseinrichtungen und Dr. Susanne Hofmann aus Berlin zu Bedürfnisklärung und Nutzermündigkeit. Daran schloss sich mit dem Fokus auf Phase II „während der Ausschreibung“ der architekturphilosophische Vortrag von Prof. i.R. Hannelore Deubzer an, der das Motiv einer entwurfsintegrierten Psychologie kritisch unter die Lupe nahm. Die Phase III „nach der Ausschreibung und im laufenden Betrieb“  beendete mit seinem Vortrag Prof. Dr. Axel Buether zu Kommunikation und Verhalten im gebauten Raum (Farbe als Entwurfswerkzeug.) Die Impulse der Referierenden und die anschließende Podiumsdiskussion führten zu entscheidenden Fragen: Was passiert, wenn etwas gebaut wird? Wer hat den größten Einfluss auf das, was sein wird, – Architekt*innen, Investor*innen, Politiker*innen? Wie kann eine gemeinsame Plattform gefunden werden, welche die bedürfnisorientierte Teilhabe an der Architektur in deren Entwicklung und Formung ermöglicht. „Ein momentanes Fazit könnte heißen“, so Guhl: „Architekturpsychologisch unterlegtes Entwerfen, Planen oder Umbauen zeigt einen deutlichen Mehrwert in der konkreten Umsetzung. Architekturpsychologisches Arbeiten verlangt Durchsetzungskraft in privatwirtschaftlichen, öffentlichen und politischen Bereichen.“

Insgesamt ziehen die Gründerinnen der Fachgesellschaft, Abel, Guhl und Vollmer, ein sehr positives Resümee: „Wir freuen uns, die Inhalte der Tagung, die ein erstes, ergiebiges – aber bei weitem nicht vollständiges – Bild der aktuellen Architekturpsychologie geben, in den kommenden Monaten als Buch einem noch größeren Publikum präsentieren zu können. Wie groß der Bedarf an Wissensvermittlung und Diskurs in diesem Themenfeld und gerade in der jüngeren Generation Studierender ist, war in jeder Minute der Tagung zu spüren.“

 

Hier kann der Programm-Flyer noch heruntergeladen werden.